KopfhörerInnen: Slipknot – IOWA

Slipknot – IOWA (10th Anniversary Edition)
(VÖ: 01.11.2011, Roadrunner/Warner Records)

(c) Roadrunner Records/Warner

Cover: (c) Roadrunner Records/Warner

Slipknot polarisieren. Nicht nur weil sie auf einen zartbesaiteteren Teil der Gesellschaft wie böse, lärmende Schreckgespenster wirken mögen, sondern weil sie sogar im Metaldiskurs selbst gut und gerne für Zündstoff sorgen können. Ist das nun eigentlich noch echter Metal? Oder ist das lediglich ein fragwürdiger, fehlgezüchteter Abkömmling, der liebloserweise mit dem naheliegenden, doch schwammigen Hilfsvokabel „Nu-Metal“ umschrieben worden ist? Ist dies Musik für eine Generation von langhaarigen Metalheads in Jeanswesten, die noch problemlos in der Lage sind Album um Album von Iron Maiden mitsingen zu können? Oder ist das unterm Strich gesehen nur noch Firlefanz für die frustrierten Vierzehnjährigen des 21. Jahrhunderts?

Die Antwort liegt klarer- und notwendigerweise irgendwo dazwischen. Und zusätzlich noch ganz wo anders. Prinzipiell läuft sie im Endeffekt auf ein leidiges Puristentum und Haarspaltereien hinaus. Slipknot eroberten zu einem Zeitpunkt die Musikwelt, als der Metal eine weitere Renaissance erlebte. In den späten 90ern und besonders um das Jahr 2000 herum, war es plötzlich wieder alltäglich, im Fernsehen und Radio Bands der härteren Gangart zu begegnen. Die Charts wurden von Bands wie System of a Down, Limp Bizkit, KoRn oder Linkin Park regiert – und Slipknot. Aus einem vorhergegangenen Crossover-Boom heraus, schossen nun Bands aus dem Boden, die scheinbar(!) nicht mehr allzuviel mit den Vorgängern aus den 80er Jahren zu tun hatten. Plötzlich machte sich eine andere Art Songwriting wie beim Thrash Metal breit, es regierte eine andere Ästhetik wie beim Power-Metal und auch eine Grundeinstellung oder Philosophie wie die des Black Metals suchte man vergeblich. Anstatt von Leder und Denim fanden sich plötzlich Scharen von angepissten, kurzhaarigen Teenagern in weiten Hosen zusammen, um zu einer Mischung aus gerappten und gekreischten Texten die Brücken zu ihrer Kindheit zu zertrümmern.

Mit ihrem selbtbetietelten Langspieldebut „Slipknot“ traf die Band damit genau den Nerv der Zeit. Hier war nicht mehr technische Virtuosität das Maß aller Dinge, sondern die Energie und das Chaos der Jugend. Anstatt mehrminütiger Soli gab es bei Bühnenshows endlich wieder etwas fürs Auge. Masken, Overalls, Eindreschen auf Stahltonnen, eine intensive Bühnenshow – es war kein Wunder, dass die Band bereits durch die Veröffentlichung ihres Demos das Interesse verschiedener Labels weckte. Mit „IOWA“ trat die Band jedoch eine Lawine los, mit der der Erfolg von Slipknot nicht mehr aufzuhalten war. Das Album war songwriterisch noch ausgereifter, intensiv und so stimmig, dass das Album schließlich in England sogar auf Platz 1 der Albumcharts landete. Metal war in aller seiner Wucht zurückgekehrt und hatte Platz für eine neue Generation von Metalheads gemacht. Slipknot standen für unbändige Energie, die sich immer wieder in kurzzeitigem Chaos entlud, den Stinkefinger in alle Richtungen gleichzeitig streckte und sich nicht darum scherte ob man von seiner Umwelt richtig verstanden wurde. Unter all den zeitgenössischen Nu Metal Bands nahmen Slipknot den Part der „bösen Jungs“ ein. Sie waren der komische Nachbarsjunge, der gerne maßlos mit Pentagrammen um sich wirft und keinen Satz ohne drei „Fucks“ artikulieren kann. Während andere Bands ihren Platz in der Szene mit „Coolness“ und Eingängigkeit zu festigen versuchten, sprangen die neun Musiker von Slipknot lieber rasend über die Bühne und schlugen hysterisch kreischend um sich.

Das Album „IOWA“ entstand in der Bandgeschichte noch vor dem Maskenwechsel der neun Musiker. Es war die Zeit der noch einheitlichen Overalls, der Zeitpunkt an dem sich Eltern noch vor Marilyn Manson-Alben im Kinderzimmer fürchteten. Im Hinterkopf der Welt hallte noch das Massaker der Columbine Highschool nach, kurze Zeit später sollte das World Trade Center fallen: Es war schlicht und ergreifend eine verrufene Zeit für Bands, die anstatt von einer besseren Welt zu singen, lieber „PEOPLE EQUAL SHIT!“ schrieen, und vielleicht erschienen Slipknot gerade deshalb zu diesem Zeitpunkt ihrer Bandkarriere so glaubhaft wie es zuvor und danach nie wieder der Fall war.

„IOWA“ mag für den Nu Metal vielleicht das gewesen sein, was Slayers „Reign in Blood“ an Intensität kurzzeitig für den Thrash oder Nirvanas „Nevermind“ für den Grunge war. Mit dem Album war alles gesagt was es im Metaldiskurs zu genau diesem Augenblick zu sagen gab. So ist es keine Überraschung, dass nach der 10 Jahres Edition ihres Debuts nun auch „IOWA“ die Ehre einer Neuauflage zuteil wird. Aufgefettet wird selbige mit dem Livemitschnitt des vielleicht legendärsten Konzertes der Band, das als „Disasterpieces“ in die Bandgeschichte einging und einem Film auf DVD („Goat“), der in wirren, assoziativen, doch in sich atmosphärisch stimmiger Manier den Kontext des Albumsentstehens nachvollzieht.

Für die-hard Fans der alten Metalschule mögen Slipknot möglicherweise auf ewig nur die Clowns von Nebenan bleiben, die es nicht mehr auf die Reihe kriegen klassische Metalsongs zu schreiben (was musikalisch virtuose Mitglieder wie Joey Jordison oder Mick Thomson jedoch mit Leichtigkeit wiederlegen könnten). Für diejenigen die ihre Metalunschuld jedoch unter dem Banner des „neuen“ Metals verloren haben, könnte IOWA eines der Alben sein, das man später im Plattenschrank stolz präsentiert und mit dem man den Enkelkindern klarmachen will – wie jede Generation die es schließlich selbst am Besten weiß – wie guter Metal zu seiner Jugend noch geklungen hat.

david.prieth@mokant.at'
David Prieth war als Leiter der Ressorts Musik und Kultur für mokant.at tätig.

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