KopfhörerInnen: blink-182 – Neighborhoods

blink-182 – Neighborhoods
(VÖ: 27.09.2011, DGC/Interscope Records)

(c) DGC/Interscope Records

Cover: (c) DGC/Interscope Records

Für einige Jahre Zeit schien es schier unmöglich, dass blink-182 jemals wieder zueinander finden, geschweigedenn gemeinsam ein neues Album veröffentlichen würden. Nach der offiziellen Ankündigung eines Hiatus im Februar 2005, folgten Veröffentlichungen der Seiten- bzw. Nachfolgeprojekte Angels & Airwaves (DeLonge) und +44 (Hoppus und Barker) die das bisherige Dreiergespann gewissermaßen in zwei Lager teilten. Trotz des seltsamen Beigeschmacks, der währenddessen die Stimmung prägte, blieben blink-182 Fans den beiden Projekten mehr oder weniger treu, die Alben wurden rezipiert und Konzerte der Bands waren gut besucht. Zusätzlich arbeitete Barker immer wieder als Session-Schlagzeuger und spielte seine gefragten Beats auf Alben und Remixes diverser KünstlerInnen ein. Nach dem Tod von Jerry Finn (Produzent des blink-182 Albums „Enema of the State“) und dem dramatischen Flugzeugabsturz, bei dem Schlagzeuger Barker nur knapp dem Tod entging, war die Aufregung in Fankreisen folglich noch größer. Als die Band den Kontakt anschließend wieder aufnahm, alte Fehden beiseite legte und eine Reunion samt Tour und ein neues blink-182 Album ankündigte, ging jedoch ein Aufschrei von ungeahnten Ausmaßen durch die gesamte Szene. Eine Größe, um nicht zu sagen eine Legende, im Gefilde des Poppunks war zurückgekehrt. Nur wenige Bands des Genres mögen für eine Generation von Kindern der späten 80er und frühen 90er das bedeuten, was blink-182 mit ihrer Musik geschafft hatte zu verkörpern. Lebensfreude, Spaß und Freundschaft – man möchte beinahe sagen „Das schöne Leben“.

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen hinsichtlich des neuangekündigten Albums „Neighborhoods“. Wohin mochte sich die Band inzwischen entwickelt haben? Wie sehr würden sich die Einschläge von Angels & Airwaves und +44 im neuen Album niederschlagen? Wer würde nun die Vormachtstellung auch im Punkto Gesang einnehmen? Würde es, kurz gesagt, werden wie früher und wenn ja, wie welches Früher? Denn die Entwicklung von blink-182, einer Band mit anfangs noch relativ rudimentären (doch trotzdem eingängigen) songwriterischen Fähigkeiten, hin zu einer Musikgruppe, die ein immer feineres Gespür für musikalische Arrangements entwickelte und schließlich durch einen virtuosen Schlagzeuger auch musikalisch auf eine neue Stufe gehoben wurde, führte HörerInnen je nach Veröffentlichung, verschiedene Lebensabschnitten der Bandgeschichte vor Augen. Von der Jugend, hin zur Hochblüte des Lebens mit allerlei Spaß, Unfug und Alltagsproblemen, bis zu den bereits ernsteren Dingen des Lebens. Denn: Man wurde eben doch älter. Und davor konnten auch blink-182 nicht die Augen verschließen. Mit „Neighborhoods“ stellte sich nun jene heikle Frage: Wie würden die Bandmitglieder nun mit ihren bereits fast 40(!) Jahren klingen? Würde nach allem was passiert ist und in Zeitaltern wie diesen noch Platz für Texte wie „Hanging out behind the club on the weekend, acting stupid, getting drunk with my best friends“ bleiben, mit denen die Band ihrerzeit die Herzen und Gemüter einer solchen Unzahl von Jugendlichen traf?

Die Veröffentlichung brachte schließlich Gewissheit. „Neighborhoods“ stellte sich als logische Entwicklung einer Band heraus, die sich selbst im Grunde treu blieb, doch im Laufe der Zeit auch ganz natürlich weiterentwickelt hatte. Die einzelnen Songs versuchen HörerInnen somit keine kindliche Unbekümmertheit vorzuheucheln wo keine mehr ist, keine aufgesetzten Jugendspielchen einzuweben, die inzwischen nur noch als aufgesetzt und unwahr entlarvt werden müssten. Die Reife der Musiker lässt sich an den einzelnen Songs ablesen, die Lebenserfahrung spiegelt sich in den Texten wieder. Zugegeben, die musikalischen Einschläge des Albums, die bei skeptischen Gemütern anfangs als von den Vorgängerprojekten herrührende Einflüsse verschrien werden mögen, sind zweifelsohne nicht mehr Eins zu Eins mit einem dahingeträllerten „Enema of the State“ vergleichbar, doch könnte dies wie bereits gesagt auch gar nicht mehr Sinn und Zweck eines solchen Albums sein. Desweiteren waren die grundlegenden Zutaten der nun präsentierten Mischung bereits in früheren Stadien der Band vorhanden und spiegelten sich so beispielsweise bereits im Projekt „Boxcar Racer“ wieder. So biedert sich der Opener des Albums mit dem Titel „Ghost on the Dancefloor“ gesangstechnisch durchaus relativ nahe an ein „There Is“ von Boxcar Racer an, mischt dies jedoch mit einer Gesangsweise, die bei Tom DeLonge erst ab den späteren blink und frühen A&A Tagen Usus geworden ist. Desweiteren wirkt beispielsweise der Song „Wishing Well“ wie eine Nummer, die es obgleich ihrer Grandiosität damals nicht mehr auf das letzte Album geschafft hatte. Der Bogen zwischen dem letzten und dem neuen Album ist somit auch musikalisch und gefühlsmäßig schlüssig und wurde durchaus gekonnt gespannt.

Es stimmt, der Ton ist ernster, die Stimmungsfärbung anders. Doch „Neighborhoods“ ist ein durch und durch gelungenes blink-182 Album, das die Band in der aktuellen Phase ihres Lebens portraitiert und fair genug ist, den Fans ein authentisches Bild zu präsentieren anstatt sich lediglich auf früheren Erfolgsrezepten auszuruhen. Mark Hoppus, Tom DeLonge und Travis Barker hätten den Schritt nicht wagen müssen sich wiederzuvereinigen, um mit ihrem bereits großen Namen blink-182 ein Experiment des Geldes wegen zu wagen. Die Fans wären ohnehin auch zu den Konzerten der beiden anderen Bands gegangen und hätten sich von Zeit zu Zeit über selten eingestreute blink Coverversionen gefreut. Doch „Neighborhoods“ bewies, dass die Band den drei Freunden einfach immer noch zu viel bedeutet, um sie bereits endgültig an den Nagel zu hängen. Und obwohl der Grundtenor vielleicht etwas anders und die Band durchaus gereift erscheint, so ist das ewige Kind in den drei Männern – komme was wolle – einfach nicht ganz auszutreiben, was besonders die Textpassagen im Neighborhoods-Song „This is home“ einmal mehr verdeutlichen: „Police cars bring cuffs and loaded guns, Kids scream but laughing as they run„.

David Prieth war als Leiter der Ressorts Musik und Kultur für mokant.at tätig.

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