Nino aus Wien: „Bin fast ein Optimist“

Warum der Nino aus Wien keine Musik, sondern nur Bleistiftskizzen produziert 

Unbekümmerte Lieder wie „Holidays“ oder das klassische Beziehungsdrama „Du Oasch“ machten ihn bekannt: den Nino aus Wien. Mit seinem deutschen lyrischen Pop füllt er eine Lücke in der Musikwelt, die bisher unbesetzt war. Über Musik von Bob Dylan, Syd Barrett und die Ramones kam er auf die Idee, selber Songs zu schreiben. Nachdem er mit dem „Spinat Song“ am Protest Songcontest 2009 mitgemacht hatte, sorgte er mit seinen verschrobenen Liedern erstmals für Aufsehen. Erste Lieder vom Nino tauchten auf der Musikplattform Myspace auf. „Ich hab mich nicht frisiert“, gesteht der Nino bei der Begrüßung im Café Nil in der Siebensterngasse und nimmt Platz, um über die Schwierigkeit einer guten Melodie, die Amadeus Awards und die Wiener Bandszene zu plaudern.

mokant.at: Du warst beim Amadeus Award für zwei Awards nominiert. Was bedeuten für dich die Nominierungen? Ist dir der Preis in irgendeiner Form wichtig?
Nino aus Wien: Man hat keinen Einfluss darauf, das bestimmen irgendwelche Leute. Es ist schon ganz nett, aber ich reiße mich nicht so darum. Man geht hin und schaut es sich an.

mokant.at: Hältst du den Amadeus Award für wichtig oder ist es nur ein österreichisches Medienspektakel, das über die Grenzen hinaus überhaupt nicht wahrgenommen wird?
Nino aus Wien: Ich glaube, man kommt relativ leicht in diese Fm4-Nominierung, wenn man nur ein Album veröffentlicht hat. Es sind ja hundert Leute nominiert gewesen bei Fm4. Und nicht so gute Bands, teilweise.

mokant.at: Welche Bands sind nicht so gut?
Nino aus Wien: Ich will keine Namen nennen. Es liegt eben auch daran, wie man Werbung macht. Das ist ja doch ein reiner Votingpreis. Ich habe nicht viel Werbung gemacht, das Label vielleicht ein bisschen, aber auch nicht genug.

Foto: (c) Michaela Wein

Foto: (c) Michaela Wein

mokant.at: Wieso bist du Musiker geworden?
Nino aus Wien: 2008 habe ich diese erste CD herausgebracht. Ich glaube, vier Jahre vorher habe ich zum ersten Mal Musik gemacht. Es hat ungefähr drei Jahre gedauert, bis ich den Sound hatte, der auf der ersten CD zu hören ist. Ich hab mich nie so als Musiker gesehen und jetzt eigentlich auch nicht. Die Herangehensweise ist eine andere als bei anderen Musikern, scheint mir. Ich habe nie den Eindruck, dass das, was ich mache, richtige Musik ist. Ich höre andere Musik und denke mir: Das ist richtige Musik. Meine ist irgendetwas anderes.

mokant.at: Inwiefern?
Nino aus Wien: Ich habe noch nie, überhaupt nie, gedacht, dass das Musik ist, was ich mache. Es ist mehr wie Bleistiftskizzen statt echte Musik, finde ich.

mokant.at: Hast du nicht den Anspruch an dich selbst, ganze Stücke zu produzieren und nicht nur Skizzen?
Nino aus Wien: Skizzen können ja auch schön sein, oder? Und jetzt habe ich eine Band, die diese Skizzen ein bisschen ausmalt, aber es klingt immer noch nicht wie Musik für mich.

mokant.at: Welche Musik hörst du privat?
Nino aus Wien: Immer dasselbe seit Jahren. Die Beatles, Syd Barrett und Bob Dylan, diese ganze Alben. Und Ramones.

mokant.at: Wie bist du zur jetzigen Band gekommen?
Nino aus Wien: Zuerst war ich ganz alleine. Dann gab es eine Band, die wurde Mitte 2008 geformt. Das waren sechs Leute und mit denen hatte ich zwei Auftritte. Und wir wurden wirklich ausgebuht, wir waren irrsinnig schlecht. Sie haben uns den Strom abgedreht. So hat sich diese Band aufgelöst, es blieb nur noch einer von der alten Band, der Schlagzeuger, David Wukitsovits. Momentan sind es wohl vier Leute (David Wukitsevits, Raphael Sas, Paul Schreier, Anm.), ab und zu auch mehr oder weniger.

mokant.at: Was war deine Intention, beim Protest Songcontest mitzumachen? Ging es da um eine Form von Protest?
Nino aus Wien: Überhaupt nicht. Das Label hat gefragt, willst du nicht beim Protest Songcontest mitmachen? Welches Lied könnte man da einschicken? Und ich habe gesagt, keine Ahnung, vielleicht den Spinat Song, das ist vielleicht am ehesten ein Protestsong. Und dann haben sie das genommen und ich habe es gespielt.

mokant.at: Wogegen richtet sich der Spinat Song?
Nino aus Wien: Anscheinend gegen Spinat.

mokant.at: Wie verläuft bei dir der Prozess des Songschreibens? Wie kommst du auf Ideen? Ist da zuerst ein Text oder ist eine Melodie?
Nino aus Wien: Es ist schon verschieden. Aber die Melodien verlangen mehr Arbeit, dauern länger, obwohl sie oft letztendlich auch nicht so gut sind. Aber sie brauchen mehr Zeit. Bei der ersten CD kamen die Worte sehr langsam, ich hab ewig an den Worten gefeilt. Bei der zweiten CD habe ich einfach drauf los gesungen, teilweise improvisiert. Und jetzt wieder sehr langsam. Das verläuft in Phasen. Manchmal ist es so Hochgeschwindigkeit, dann Bedächtigkeit. Im Schnitt brauch ich nicht so lange für ein Lied, ein paar Minuten, meistens. Aber manche Lieder brauchen wohl Jahre.

mokant.at: Bist du ein unpolitischer Mensch oder willst du in deiner Musik einfach keine Meinung kommunizieren?
Nino aus Wien: Viele Texte leben gar nicht so sehr von der Bedeutung, sondern eher vom Klang der Worte. Habe ich keine politischen Texte? Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob diese Texte irgendwas sagen. Das hat auch nichts damit zu tun, was für ein Mensch ich bin.

mokant.at: War für dich die Aufnahme des zweiten Albums schwieriger als die des ersten?
Nino aus Wien: Nein. Das war relativ einfach, das zweite, das war so schnell fertig. Wir hätten nie gedacht, dass es so schnell ging. Das erste Album war ein Kampf, weil ich keine Ahnung hatte von irgendetwas. Beim zweiten Album ging alles wie in einem Guss.

mokant.at: Das zweite Album klingt roher und ungebügelter als das erste, man hat teilweise auch schiefe Töne drinnen gelassen. War das gewollt?
Nino aus Wien: Es war sicher auch so, dass wir viele Lieder nicht wirklich geprobt haben und das schnell aufnehmen wollten. Und im Endeffekt gefällt es mir auch so, dass es nicht so gebügelt ist. Kein Aspekt von dem Ganzen ist perfekt, insgesamt ist es aber rund. Ich kann es mir gut anhören.

mokant.at:
„Du Oasch“ ist ein Mundartstück, davon gibt es nicht so viele. Wird es in Zukunft mehr Mundart-Lieder von dir geben?
Nino aus Wien: Es gibt schon solche Sachen, das passiert ungeplant. Man wundert sich dann selber, warum man so singt. Aber es ist nicht mein Ziel, der neue Wolfgang Ambros zu werden. Syd Barrett zum Beispiel hat auch im Dialekt gesungen, seine Muttersprache war halt eine andere.

mokant.at: Hat Mundart einen anderen Reiz als Hochdeutsch?
Nino aus Wien: Dieses Mundartsingen kommt ja eigentlich woanders her. Ich hab so ein Nebenprojekt, Euphoric Flenson. Da hab ich meine Stimme verstellt mit Effekten, man erkennt mich also nicht. Bei diesem Nebenprojekt singe ich auf Englisch und im Dialekt, ein bisschen Serbisch auch. Dieser Euphoric Flenson, eine Kunstfigur, soll ein Serbe sein. Da habe ich ein paar Dialektlieder gehabt, eines davon war „Du Oasch“, der erste Teil war mit einer ganz tiefen Stimme aufgenommen, der zweite mit einer ganz hohen Stimme. Irgendwie fand ich das lustig. Es ist eigentlich ein Euphoric Flenson-Lied, kein Nino aus Wien-Lied. Sozusagen die dunkle Seite des Nino aus Wien.

mokant.at: Trifft bei dir das Künstlerklischee zu, dass du kreativ bist, wenn es dir schlecht geht? Oder kannst du auch, wenn du gut gelaunt bist, kreativ sein?
Nino aus Wien: Mittlerweile ist es ja so, dass Leute Auftragsarbeiten von mir wollen, dass sie sagen, schreib ein Lied über irgendwas, morgen muss es fertig sein. Und das kann ich schon auch. Da ist es mir egal, was ich bin, ob ich jetzt traurig bin, betrunken oder fröhlich. Es funktioniert schon ganz gut. Wenn man traurig ist, kann man auch ein lustiges Lied schreiben und wenn man lustig ist, kann man auch ein lustiges Lied schreiben, aber auch ein trauriges. Man kann schon immer schreiben, wenn man will oder muss.

mokant.at: Viele deiner Stücke sind eher melancholisch und langsam. Spiegelt das deine Gemütsverfassung wider?
Nino aus Wien: Ich wollte eigentlich nie Partymusik machen. Vielleicht sind das auch Einflüsse, die man hat, wenn man selber auch eher traurige Musik hört. Ich bin nicht unbedingt ein sehr trauriger Mensch, ich bin fast ein Optimist. Ich finde es oft schöner, wenn ein Lied traurig ist. Es gibt schon auch Lieder, die fröhlich sind, auch von mir, wie „Holidays“. Wobei, da war ich lustigerweise sehr traurig, als ich es schrieb.

mokant.at: Ist Musikmachen Arbeit für dich?
Nino aus Wien: Natürlich. Man muss viel beachten beim Aufnehmen, beim Auftreten und beim Schreiben. Aber die meiste Zeit besteht aus Warten. Man wartet viel und lernt Karten spielen.

mokant.at: Die meisten deiner Stücke komponierst du auf Gitarre, obwohl du auch Keyboard spielst. Warum dieses Instrument?
Nino aus Wien: „Holidays“ hab ich am Keyboard geschrieben, aber ich bin eigentlich lausig am Keyboard. Bei Gitarre geht es gerade noch, aber damit kann ich auch nicht wirklich das komponieren, was ich mir vorstelle.

Foto: (c) Michaela Wein

Foto: (c) Michaela Wein

mokant.at: Einige Journalisten vergleichen dich mit dem frühen André Heller. Du wirst oft als Austropopliterat bezeichnet. Bist du mit dieser Bezeichnung zufrieden oder würdest du deine Musik anders einordnen?
Nino aus Wien: Ich mag ja diese Austropop-Sachen aus den Siebzigern. Als ich das erste Mal Musik gemacht habe, habe ich aber überhaupt nicht gedacht, dass ich sowas machen will. Da habe ich eher gedacht, ich will instrumentale, psychedelische, frühe Pink Floyd-artige Sachen machen. Das kommt eher von Liedern wie „Du Oasch“, dass man sagt: „Austropop, oder?“ Oder weil ich Deutsch singe, vielleicht. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es Austropop. Das finde ich schon okay, dass man das sagt. Besser Austropop als Powerpop oder Punkpop. Oder Folk.

mokant.at: Kommt es für dich auch in Frage, auf Englisch zu singen? Oder ist Deutsch die einzige Sprache …
Nino aus Wien: … die ich beherrsche.

mokant.at: Nein, die sich zum Musikmachen eignet.
Nino aus Wien: In „Holidays“ und „Du Oasch“ hab ich englische Wörter. Nämlich „holidays“. Und „bitch“ hab ich. Da bin ich ja ein bisschen HipHop-artig. Aber ich habe englische Lieder. Nur die kennt keiner.
mokant.at: Wirst du sie einmal herzeigen?
Nino aus Wien: Naja, wer weiß. Es lungern so viele Lieder rum, auch englische Lieder, aber man veröffentlicht ja ohnehin nur einen kleinen Teil des Ganzen. Bis jetzt sind halt nur deutsche Sachen veröffentlicht worden, außer einzelner Worte.

mokant.at: Findest du, deine Musik wird von den richtigen Leuten gehört? Deine Musik wird hauptsächlich von der Fm4-Hörerschaft wahrgenommen. Würdest du gern ein breiteres Publikum ansprechen?
Nino aus Wien: Ich finde das schon okay, dass das der Fm4-Hörer hört und Fm4 auch oft darüber schreibt und die Musik spielt.

mokant.at: Möchtest du auf Ö3 gespielt werden?
Nino aus Wien: Ich hätte nichts dagegen, aber ich glaube, dass die bis jetzt veröffentlichten Sachen nicht so passend sind. Vielleicht ist irgendwann einmal was passend, aber ich lege es nicht drauf an. Skero ist jetzt auf Ö3 …

mokant.at: Und Bunny Lake.
Nino aus Wien: Bunny Lake, ja. Das passiert halt. Skero ist jetzt fast vierzig. Und der war nicht auf Ö3 in den letzten Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit vierzig mit so einem Lied in die Ö3-Charts komme. Es gibt ja noch eine andere Seite außer Fm4 und Ö3. Was mir auffällt, ist, dass wir sehr gut ankommen in dieser ganz abgehobenen Kunstszene, Vernissagen, Galerien und so. Wo die Leute nur dasitzen und still sind. Dort zu spielen, ist ein Erlebnis.

mokant.at: Würdest du sagen, der Indie-Begriff ist veraltet? Würdest du dich selbst als Indie oder Mainstream bezeichnen?
Nino aus Wien: Ich habe gelesen, dass in Wien jetzt bandmäßig viel los ist. Und dass das der neue Pop ist aus Österreich. Vielleicht schwappt das einfach so über, dass mehr Sachen auf Ö3 gespielt werden. Diese typischen Ö3-Sachen sind ja sehr kurzlebig, so Luttenberger Klug und Mondscheiner. Das ist ja auf Dauer nicht befriedigend. Vielleicht kommt ein Umdenken zustande, sodass wir die neuen Superstars werden in Österreich.

mokant.at: Würde dich das reizen, Superstar zu werden?
Nino aus Wien: Keine Ahnung. Ist Skero jetzt ein Superstar?

mokant.at: Ich denke nicht, dass man das so definieren kann.
Nino aus Wien: Eh nicht. Aber Ö3 wäre schon auch okay. Ich hätte nichts dagegen.

mokant.at: Der Nino aus Wien wird immer bekannter, gerade auch durch die Nominierungen beim Amadeus Award. Wie geht es dir mit dem Erfolg, wirst du inzwischen auf der Straße erkannt?
Nino aus Wien: (lacht) Überhaupt nicht, nein.

mokant.at:
Mit wem würde dich eine Zusammenarbeit reizen? Du hast schon mit Anja Plaschg am Popfest gesungen.
Nino aus Wien: Mit Sir Tralala war es sehr schön, mit Anja Plaschg war es sehr schön, weil die beiden einfach irrsinnig gut singen. Man kommt sich da ziemlich klein vor, aber auch sehr glücklich. Mit Skero habe ich auch gesungen, das war auch sehr nett. Wen gäbe es noch? Vielleicht einen von den alten, damit dieses Austropop-Ding ein bisschen verschärft wird. Da würde ich gerne mit Ludwig Hirsch singen. Das stelle ich mir ganz lustig vor. Eine
Zusammenarbeit mit Freddy Gigele reizt mich auch immer schon. Und Peter Rapp. Der ist zwar kein Sänger, aber ich will irgendwas mit ihm machen, er könnte zum Beispiel die neue Album Release Show moderieren.

mokant.at: Woher nimmst du die Motivation, Musik zu machen? Ein lukratives Geschäft wird das ja nicht gerade sein
Nino aus Wien: Zumindest wird man reich an Erfahrungen. Motivation – es gibt
mir wohl schon viel, Lieder zu schreiben und sie vorzusingen.

mokant.at: Kann man heute im mp3-Zeitalter vom Musikmachen noch leben?
Nino aus Wien: Das kommt natürlich auch auf die Musik an. Im Schlagerbereich kann man ganz
gut leben, könnt ich mir vorstellen. In diesem Indie-Bereich ist es natürlich deutlich schwieriger. Aber wenn man bescheiden lebt und sehr viel spielt und sehr viel macht, vielleicht auch Sachen die einen weniger freuen, dann kann es sich über einen gewissen Zeitraum schon ausgehen für manche Leute. Von CD-Verkäufen bekommt man natürlich nicht viel ab, aber Tantiemen und Gagen zusammengerechnet können zum Teil schon ganz nette Summen ergeben. Das Schwierige ist aber wohl, sich dauerhaft zu halten.

mokant.at: Kann man noch dieses Jahr mit einem neuen Album von dir rechnen?
Nino aus Wien: Es wird etwas erscheinen, aber kein Album. Ich glaube, das Album wird erst nächstes Jahr kommen, und dieses Jahr wird eine Single oder eine EP erscheinen.

Titelbild: (c) Michaela Wein

Alexandra Metz absolvierte im Sommer 2010 ein Praktikum bei mokant.at und war danach als außerordentliche Redakteurin tätig.

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