Reiseguide: Balkonien

Reisetipps für die eigenen vier Wände: Gitarre spielen und Einheimische anpöbeln.

Sommer, Sonne, Strand und Meer: Lauschige Nächte unter Palmen und fremde Kulturen locken auch diesen Sommer wieder zahlreiche Reisende an. Doch nicht jeden packt das umsichgreifende Fernweh. Einige von uns genießen die Nestwärme der eigenen Heimatstadt. Wozu zwölf Stunden im stickigen Reisebus mit Rentnern verbringen, wenn doch auf dem Balkon der Urlaub zum Greifen nahe ist? Mit Cocktails, Picknickdecke und Freunden kann man es sich mindestens genauso gut gehen lassen und sich dabei Nerven und Geld sparen.

Tipp 1: Tun, wozu sonst die Zeit fehlt
Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Da gibt es das eine Buch, das einem die beste Freundin empfohlen hat. Das ganze Semester hat man es im Vorbeieilen auf die Uni sehnsüchtig angeblickt, ohne es nur einmal aufzuschlagen. Vor Jahren hat man sich mal eine Gitarre gekauft und Übungsstunden genommen. Blöderweise hat man sich dann doch lieber den vernachlässigten Prüfungen gewidmet, statt Virtuosin oder Virtuose zu werden. Die Gitarre wird nur noch aus der einsamen Ecke geholt, wenn Partygäste sie unter der Staubschicht erspähen. Doch nun ist der perfekte Augenblick gekommen, sie aus ihrem Versteck zu holen, zu stimmen und ein wenig darauf herumzuzupfen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass man das eine oder andere Lied einer mittlerweile aufgelösten Boyband darauf entweihen kann.
Neben Gitarre spielen kann man klettern, wandern und Rad fahren gehen. Für Letzteres braucht man dank dem Citybike nicht einmal ein eigenes Rad. Und wem das zu 0815 ist, kann genauso gut auch einen Lapdancekurs belegen. Einschlägige Wiener Tanzschulen bieten selbst solche Kurse an.

Tipp 2: Denken ist Gold
Wenn es hektisch wird, beginnt man nach einem vorgegebenen Muster zu handeln und zu denken. Man lebt den Tag nicht bewusst und versucht, möglichst alles auf dem Terminplan abzuhandeln. Für ein entspanntes Gespräch hat man bei diesem konstanten Stress und Zeitdruck nicht die nötige Geduld. Schon gar nicht, wenn man es als Monolog führt. Es gibt Fragen, die wir uns unter Stress und Nervosität selten stellen. Doch das Jahr steht auf Halbzeit. Endlich hat man Zeit nachzudenken. Was ist mir heuer schon Gutes passiert? Bin ich gerade da, wo ich mich gerne haben will? Wann habe ich das letzte Mal so richtig herzhaft gelacht? Im ersten Augenblick bleibt die Antwort aus, doch nach einer Weile kommt ein Echo, das vielleicht gar nicht so uninteressant ist.

Tipp 3: Party auf dem Balkon
Planlos zu sein, kann Wunder wirken. Vor allem dann, wenn man spontan eine Party auf dem Balkon veranstaltet. Möglich, dass sich die Anzahl der Gäste auf einer Hand abzählen lässt. Doch wie viel Platz ist denn schon auf so einem Balkon? Bei der Gelegenheit kann man gleich die wiedergefundene Gitarre erproben, Cocktails aus den Alkoholresten der vergangenen Party mixen und der besten Freundin das ausgelesene Buch zurückgeben.

Tipp 4: Unterwegs in der eigenen Stadt
Es gibt kaum jemanden, der die Möglichkeiten der eigenen Stadt nicht unterschätzt. Doch selbst unter der sengenden Mittagssonne tummeln sich hier die Touristen mit ihren Umschnallkameras und überdimensionalen Straßenkarten. Diese Leute reisen vielleicht tausende Kilometer, casino online nur um das zu sehen, was die Einheimischen zwangsläufig unter der Nase haben. Da muss doch etwas dran sein. Wer nicht penetrant selbst ein Segeltuch von Stadtkarte kaufen und Einheimische im Schulfranzösisch anpöbeln möchte, kann auch den gesitteten Touristen spielen. Im 21. Jahrhundert ist es ein Leichtes, sich über Ausstellungen und Veranstaltungen in der Heimatstadt zu informieren. Wien zum Beispiel bietet ein vielseitiges Programm an Freiluftkinos. Wem Kino unter Sternen wegen der mangelnden Strandstimmung nicht exotisch genug ist, dem bleibt das „Sand in the City”. Außerdem zu empfehlen: die ebenfalls teilweise mit Sand beschütteten Donaukanalufer mit blumigen Strandbars und Tanzmusik.

Tipp 5: Faulenzen ist unterbewertet
Wer schon einmal in den süßen Genuss des Faulenzens gekommen ist, wird sich nie wieder davon losreißen können. Zum Teufel mit Sightseeing und dem ewigen Warten vorm Louvre, der Sixtinischen Kapelle und Madame Tussauds! Immer ist man am Ende der Reise arm wie eine Kirchenmaus und muss zusehen, wie man genug für die kommende Miete zusammenkratzt. Im Segelboot darf man kein Klopapier verwenden, weil sonst der Notstand ausgerufen wird. Die angebliche Flauschigkeit der Hotelzimmerbetten wird zumindest zu einem Teil durch Übermüdung hervorgerufen. Warum sich das alles antun, wenn man genauso gut im eigenen Bett liegen kann? Aus dem muss man nur dann die Füße strecken, wenn die Blase drückt oder die Sonnenstrahlen locken.

Tipp 6: Dinge, die du schon immer tun wolltest
Eine Liste mit solchen Dingen sieht für jeden Menschen naturgemäß anders aus. Hier ein paar Anregungen: einen Tag lang nur die Wahrheit sagen, ein Buch schreiben, ein Kleidungsstück nähen, eine Woche lang obdachlos sein, den Moonwalk lernen, eine Nacht unter der Brücke verbringen, einen Zaubertrick lernen, einen Tag lang nur in Reimen sprechen, ein eigenes Bild in eine Ausstellung schmuggeln, im Bademantel einkaufen gehen, eine Fake-Hochzeit arrangieren, einen Ballettkurs besuchen, ein Pferd rückwärts reiten, Gebärdensprache lernen, einen Brief in einer Flaschenpost verschicken.

Fazit
Zuhause zu bleiben sieht vielleicht anfangs nach Langeweile aus. Mit der richtigen Einstellung und Motivation kann sich Balkonien aber in das perfekte Urlaubsziel verwandeln. Es eröffnet einem einen neuen Einblick in das eigene Zuhause. Endlich hat man die nötige Zeit, um Menschen zu treffen, für die man im Unistress weniger Zeit hatte. Balkonien-Urlaubende kommen zum Nachdenken, wieso dies so ist und wen man in seinem Umfeld wirklich zu schätzen weiß. Außerdem ist das Freizeitpotenzial der eigenen Stadt in der Regel kaum zu überbieten.

Drei Insider-Tipps:
1. Wer die Kehrseite des ultimativen Urlaubsfeelings genießen möchte (schlechtes Essen, ungemütliche Herberge), verbringe seine Nächte auf einer Couch der TU Wien.
2. Warum man in fremden Ländern viel eher die Sau rauslässt als daheim, bleibt schleierhaft. Ein Urlaub mit rüpelhaften Touristen vor der eigenen Haustüre bringt möglicherweise die eine oder andere wertvolle Selbsterkenntnis. Oder man führt sich zuhause in Zukunft genauso auf.
3. Die Sommerzeit ist etwas Vergängliches. Wer die Tage lieber draußen statt vor dem Fernseher verbringt, schmiert sich besser mit Sonnencreme ein.

Was du auf keinen Fall machen solltest:
1. Dich beim nächtlichen Einbrechen ins Stadtbad erwischen lassen.
2. Unterschätzen, wozu einen Tag lang nur die Wahrheit sagen führen kann.
3. Dich darauf verlassen, dass andere deine Urlaubsplanung für dich übernehmen. Die sind nämlich nicht da. 

Titelbild: flickr.com/Manfred Schary

Alexandra Gritsevskaja ist Geschäftsführerin von mokant.at. Zuvor war sie auch als Redakteurin tätig.

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