No Silence For Sale: „Wie beim Musikantenstadl“

No Silence For Sale übers Leben in der Vergangenheit und Terrarienzubehör
 

Foto: (c) Manuel Stenger

Foto: (c) Manuel Stenger

Früher hießen sie eigentlich Die Lupengruppe. Was wie ein Detektivklub klingt, wurde vor einigen Jahrzehnten als Band gegründet. Dazwischen lag allerdings eine fast zehnjährige Pause. Raphi, Hatschka und Felix wirkten beim Interview nach ihrem Auftritt jedoch sichtlich entspannt. Dazu hatten sie auch allen Grund: Der Gig war gut, das Publikum zufrieden und die Kassa so gut versteckt, dass sie nach dem Interview noch gesucht werden musste. mokant.at plauderte mit ihnen über fade Schlagzeuger, absolute No-Gos auf der Bühne und wie man einen 750 MB großen Rohling bespielt.

mokant.at: Gegründet wurdet ihr ja schon ziemlich früh, vor etwa dreizehn Jahren, aber zwischen 2000 und 2013 hattet ihr eine relativ lange Pause.
Raphi: Im Jahr 2000 waren die anderen zwei noch keine Alkoholiker, da haben sie noch ernsthaft versucht, Musik zu machen.
Hatschka: Cheers!
Felix: Also auf unseren T-shirts steht das Jahr 99 drauf.
Raphi: Der Hatschka und der Felix kennen sich schon seit sie Babys sind, weil ihre Mütter miteinander befreundet waren. Die beiden haben schon immer herumgeblödelt und Scheiße gebaut.
Felix: Auch schon in der Sandkiste haben wir ernsthafte Musik gemacht.
Hatschka: Die Lupengruppe hießen wir damals!
Raphi: Irgendwann haben sie dann begonnen Musik zu machen. Am Anfang sehr rechts (allgemeines Gelächter) dann Mitte-rechts und heute Gott sei Dank links. Nein, das ist wirklich nur Spaß. Sie haben einfach angefangen, im 20. Bezirk gemeinsam Musik zu machen, im Keller der Mutter. Also ziemlich Ghetto. So ein bisschen auf Sido-Style. Und ich bin dann durch einen gemeinsamen Freund, den ich damals noch bei ICQ geaddet habe, dazugestoßen. Ich wollte eigentlich zuerst mit ihm eine Band gründen – er hat aber eher Metal gespielt und ich wollte in die Richtung Punkrock. Er hat mich an Felix und Hatschka weitergeleitet und so bin ich dann auch dazugekommen. Aber die zwei gab’s davor einfach schon wirklich lange.
Felix: Wir haben auch ganz lustige CDs aufgenommen zu zweit.
Hatschka: Wenn wir jetzt ein Album machen würden, wäre das vermutlich das achte.
Felix: Aber das, was wir aufgenommen haben, war eigentlich nur Dreck.
Hatschka: Hauptsache wir haben 23 Lieder auf eine CD gekriegt. Wir hatten nämlich einen Rohling auf den man 750 MB draufspielen konnte, aber nur Material für 100 MB. Also haben wir uns überlegt, woher wir die restlichen 650 nehmen. Somit sind da sehr gute Songs entstanden.

mokant.at: Vorher habt ihr kurz angesprochen, dass ICQ euch quasi zusammengeführt hat. Wie weit helfen neue Medien und neue Technologien jungen Musikern wie euch weiter?
Raphi: Sehr, auf jeden Fall. Es hat uns damals schon geholfen und in der ICQ-Zeit gab es noch lange nicht so viel wie jetzt. Es wird halt alles schnelllebiger. Man knüpft sehr schnell Kontakte, die sind allerdings genauso schnell wieder weg. Wir haben uns 1999 über ICQ kennen gelernt und kennen uns bis heute.
Hatschka: Wenn wir schon von unseren Anfängen reden: Das ist der Fabi, einer unser ältesten Fans. Fabi, sag was G’scheites.
Fabi: Ihr wollt’s, dass ich was G’scheites sag? Ich war beim ersten Konzert von No Silence For Sale damals im Weberknecht.
Hatschka und Felix: Shelter. Erste Reihe fußfrei!
Fabi: Achso das war im Shelter? Ich muss ganz ehrlich sagen, damals war ich sehr jung, aber es war gut.
Raphi: Bei diesem ersten Konzert im Shelter waren wir die Vorgruppe von 3 Feet Smaller. Die haben halt mittlerweile was erreicht und wir sitzen jetzt eben immer noch da.
Hatschka: Aber da müssen wir auch sagen, dass 3 Feet Smaller wahrscheinlich ein bisschen mehr dahinter sind als wir.

mokant.at: Aber was ist denn jetzt zwischen den Sandkastenanfängen als Lupengruppe und 2013 passiert?
Raphi: Wir haben 2003 aufgehört. Unser letztes Konzert war die letzte Rattlesnake-Party, die es gegeben hat. Dann haben wir alle was anderes gemacht. Der Hatschka hat begonnen Hip-Hop zu machen.
Hatschka: Macht er noch immer. Neues Album von The Hatschka kommt nächstes Jahr.
Raphi: Der Felix war in einer neuen Band.
Felix: The Incredible George W. Hussein Orchestra.
Raphi: Und ich hab bei den Pick Pockets angefangen. Wir haben uns irgendwann in Endiryah umbenannt und ich habe dann 2007 wieder aufgehört. Damals habe ich nämlich den Hatschka mit seiner jetzigen Ex-Freundin in Floridsdorf getroffen, weil er Material für sein Terrarium kaufen wollte.
Hatschka: (schreit) Das ist richtig! Für diese scheiß Schildkröte!
Raphi: Da hat er mir dann ein Album von Serial G. gegeben, so nannte er sich nämlich. So sind wir wieder in Kontakt gekommen, haben uns regelmäßig gesehen und beschlossen, dass wir wieder gemeinsam Musik machen wollen. Der Felix ist dann auch irgendwann mal vom Entzug zurückgekommen. (allgemeines Gelächter)
Felix: Vom Wien-Entzug. Ich habe lange in Deutschland g’hackelt, in Frankfurt. Bis 2010/11 und dann haben wir wieder zu dritt angefangen.

mokant.at: In diesen Jahren hat sich ja auf dem Musikmarkt einiges getan. Habt ihr das selber als Band auch zu spüren bekommen?
Raphi: Extrem! Punkrock ist ja so gut wie gestorben. Daraus ist dann dieser Emo-Trend entstanden aus dem sich dann im Laufe der Zeit irgendwie Core entwickelt hat. Momentan gibt es ja wirklich schon von jeder Musikrichtung ein Core: Metalcore …
Hatschka: Schlagercore!
Raphi: Ariencore, Operettencore etc. Also wir wollen uns einfach bewusst von diesem „Jeder ist härter als der andere“ distanzieren und wollen die Musik, die damals so groß war, weiter so machen.
Felix: Also um es auf den Punkt zu bringen: Wir leben in der Vergangenheit.
Raphi: Moment mal! Das ist mir jetzt echt wichtig: Wir leben nicht in der Vergangenheit und versuchen auch nicht, das was damals war jetzt zu spielen. Sondern wir bringen verschiedene Einflüsse rein und versuchen was Neues, Eigenes draus zu machen. Rise Against spielen ja auch nicht genau dieselbe Musik wie früher.
Felix: Wir knüpfen an die schöne Zeit in der Vergangenheit an. Wir versuchen einfach, das was früher cool war heute auch zu machen, nur neuer und anspruchsvoller als früher. Wir sind halt älter geworden.

mokant.at: Eure Shows sind ja eindeutig auch anspruchsvoller als früher. Heute hattet ihr zum Beispiel leuchtende Buchstaben auf der Bühne und Konfettikanonen. Kann man die ganze Show eigentlich mit amerikanischen Beautyshows vergleichen? Muss man immer besser sein als alle anderen?
Raphi: Wir wollen nicht die bessere Show haben als andere, sondern die geilere Party. Natürlich wollen wir uns von Gig zu Gig steigern. Es geht uns vor allem darum, dass das Publikum eine Gaude hat und das nächste Mal nicht genau dasselbe wieder sehen muss. Deswegen müssen wir uns steigern. Wenn wir immer das Gleiche bringen würden, sagen die Leute irgendwann: „Okay gut, kenn ma, danke, passt.“ Deswegen versuchen wir das immer ein bisschen zu verändern.
Hatschka: Es wird einfach von Mal zu Mal besser und auch die Show, die den Leuten einfach auch im Gedächtnis bleibt. Die Zeiten von „Wow, gute Musik!“ sind halt leider einfach vorbei. Es gibt natürlich gute Musik aber nach dem Gig sagen dann alle „Boah, die haben Konfettikanonen gehabt, die haben Licht gehabt!“ und das merkt sich halt jeder auch und redet dann drüber. Ich mein, es gibt so viele fade Schlagzeuger, die einfach nur ihre Becken streicheln, aber wir machen echt eine Show.
Raphi: Ja, wobei man sich halt schon auch die Texte anschauen sollte. Die sind zum Teil nämlich wirklich kritisch. Es soll kein Schein sein und wir wollen die Leute nicht blenden, sondern wir wollen eine coole Party machen.
Hatschka: Genau. Im Endeffekt soll alles einfach eine coole Party sein wenn wir auf der Bühne stehen.
Raphi: Aber ehrlich halt.

mokant.at: Was ist für euch so ein absolutes No-Go auf der Bühne?
Hatschka: Na da bin ich jetzt aber gespannt, was der Felix sagt.
Felix: Ich überleg schon.
Raphi: Klatschen. Aber nicht auf der Bühne sondern unten.
Hatschka: Pst! Felix, ein No-Go!
Felix: Ja, ich find’s einfach echt nicht leiwand, wenn die Leute bei einem Teil anfangen zu klatschen, wo ich mir denk, da geht’s um die Musik und du solltest eigentlich die Musik raushören und dann fangen alle an zu schreien und zu klatschen und alle führen sich plötzlich auf wie beim Musikantenstadl.
Raphi: Aber wir wollen auch im mit dem Publikum in Kontakt stehen und nicht einfach unsere Show abziehen und dann sagen: „Okay gut, Tschüss, Baba.“
Felix: Es geht ums No-Go. Sei nicht der Politiker, sondern sag was nicht geht.
Raphi: Ich wüsste echt kein No-Go.
Hatschka: Na Choreographien halt. Gleiche Kleidung. Playback.
Raphi: Ja, abgestimmte Kleidung ist wirklich ein absolutes No-Go.
Hatschka: Man muss einfach echt am Boden bleiben. Und besonders wichtig ist es, freundlich zu bleiben. Ich kann mir nicht auf irgendwas etwas einbilden und dann noch verlangen, dass die Leute meine CD kaufen.
Raphi: Dieses Ehrliche eben.
Felix: Und Spaß haben!
Raphi: Und wenn ihnen die Musik taugt, können sie sich ja danach immer noch die CDs kaufen, ohne dass wir unfreundlich sind. Dann können sie unsere kritischen Texte lesen.

mokant.at: Auf Fm4.ORF.at/Soundpark steht, dass die „Texte keinen anderen Anspruch stellen als doof und komisch zu sein“. Das hat sich ja dann anscheinend stark geändert?
Raphi: Ja, das ist schon wirklich uralt, 1999 wurde das geschrieben. Da waren wir fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Felix: Aber da gehen unsere Meinungen auch auseinander. Bei mir ist es noch immer so, dass ich Texte nicht kritisch sehe oder nicht viel hinterfrage. Mir geht’s um die Musik.
Raphi: Also die Texte kommen von mir und ich mach das schon. Nicht nur bei uns als Textschreiber, sondern auch als Hörer bei anderen Bands: Wenn diese 20 Alben rausbringen, wo’s um Herzschmerz und um Liebe geht, find ich das dann halt auch nicht mehr so spannend. Deswegen schreib ich über Politik und über unsere Weltansicht.

mokant.at: Wie politisch darf eine Band sein?
Raphi: Sehr. Ich bin aufgewachsen mit Popperklopper, Rantanplan, Wizo. Genau so was find ich gut. Absolut politisch. Allerdings würde ich nie für HC spielen.
Hatschka: Doch. Für eine Million Euro spiel ich auch für HC. Für eine Million Euro mach ich alles.
 
Für weniger als eine Million Euro gibt es No Silence For Sale auf unserer mokant.at presents FEIERtag – Party am 26.10 im b72 zu sehen.

Lisa Radda ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: lisa.radda[at]mokant.at

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