Beatrix Karl: „Habe nie demonstriert“

Ministerin Karl über ihre Zufriedenheit mit dem Budget und witzlose Präsentationen

„Bildung ist ein zentral wichtiges Thema“: Beatrix Karl sagt diesen Satz ernst und sie sagt ihn oft. Kein Zweifel, die Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung hat ihr großes Anliegen gleich mehrmals zum Beruf gemacht. Die Steirerin ist außerordentliche Professorin für Arbeits- und Sozialrecht an ihrer Alma Mater, der Karl-Franzens-Universität in Graz. Bis zu ihrer Berufung ins Ministeramt war sie unter anderem Wissenschaftssprecherin der ÖVP und Generalsekretärin des ÖAAB. Zur Zeit von Karls Angelobung im Jänner sorgte die Räumung des Audimax noch für Gesprächsstoff. Auch wenn sie die Rolle der Besetzer für die Hochschuldiskussion würdigt, sieht die Ministerin „Hörsaalbestzungen als Studienbehinderung“. Mit dem kürzlich präsentierten Budget-Entwurf der Bundesregierung ist Karl „sehr zufrieden“. Im Gespräch erklärt sie, warum Massenfächer sozial selektiv sind, was Studierende wirklich wollen und welche Überraschung uns diesen Herbst noch erwartet.

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Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Frau Ministerin, wogegen haben Sie in Ihrer Studienzeit demonstriert?
Beatrix Karl: Ich habe in meiner Studienzeit eigentlich nie demonstriert.

mokant.at: Haben Sie trotzdem Verständnis für junge Leute, die heute für ihre Anliegen auf die Straße gehen?
Beatrix Karl: Ich verstehe, dass sie für bessere Studienbedingungen demonstrieren. Ich halte es auch für unzumutbar, dass Hörsäle überfüllt sind, dass man teilweise in Hörsäle gar nicht hineinkommt und darunter natürlich die Qualität für die Studierenden leidet. Dass man keinen Laborplatz bekommt, halte ich auch für unzumutbar, weil es dadurch natürlich zu Studienzeitverzögerungen kommt. Es soll ja Studienbedingungen geben, die es jedem Studierenden auch ermöglichen, innerhalb der Mindeststudienzeit zu studieren.

mokant.at: Sie haben einmal vom Gulaschkessel der Volxküche gesprochen, in dem das Bildungsthema verkocht würde. Ganz einverstanden scheinen Sie da ja doch nicht zu sein.
Beatrix Karl: Da muss man schon differenzieren. Ich habe kein Problem mit Demonstrationen, aber ich habe ein Problem mit Hörsaalbesetzungen, nämlich dann, wenn sie andere Studierende beim Studieren behindern. Ich sehe schlechte Studienbedingungen als Studienbehinderung, aber ich sehe auch Hörsaalbesetzungen als Studienbehinderung.

mokant.at: Wo stünde die Hochschulpolitik heute ohne den Audimaxismus?
Beatrix Karl: Die Proteste vor einem Jahr haben schon dazu geführt, dass die ganze Hochschulpolitik mehr zum Thema geworden ist. Es ist viel über die Hochschulen diskutiert worden, es hat dann noch den Hochschuldialog gegeben. Das haben diese Proteste erreicht.

mokant.at: Bei den letzten Studierendenprotesten ging es um den aktuellen Budgetentwurf, der unter anderem den Bezug der Familienbeihilfe nur noch bis 24 vorsieht. Auf einer Skala von eins bis zehn, wie zufrieden sind sie mit dem Budget?
Beatrix Karl: Aus meiner Sicht bin ich mit dem Budget sehr zufrieden. Es ist gelungen, achtzig Millionen Euro zusätzlich für die Universitäten auszuverhandeln, beginnend bereits ab nächstem Jahr. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich um ein Einsparungsbudget handelt, da sind achtzig Millionen Euro zusätzlich schon von großer Bedeutung. Die Universitäten haben über die Leistungsvereinbarungen bis 2012 ein gesichertes Budget. Ich habe immer gesagt, ab 2013 brauchen die Universitäten mehr Geld. Diese zusätzlichen Mittel sollen meines Erachtens aus einem Finanzierungsmix bestehen, nämlich: öffentliche Mittel, aber auch eine stärkere private Beteiligung durch die Studierenden und durch die Wirtschaft.

mokant.at: Werden Sie die achtzig Millionen an zusätzlichen Budgetmitteln zur Verbesserung der Betreuungsverhältnisse einsetzen?
Beatrix Karl: Es werden diese Mittel zum Teil auch zur Verbesserung der Studienbedingungen verwendet werden. Wichtig ist mir, dass es mit dem Koalitionspartner jetzt eine Einigung gibt: Ab kommendem Wintersemester wird es eine „Studieneingangsphase neu“ mit Aufnahmeverfahren in den Massenfächern geben, um die Situation hier wirklich zu verbessern. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass es im kommenden Jahr in Deutschland doppelte Abiturientenjahrgänge geben wird. Das erhöht dann natürlich den Druck auf unsere Universitäten.

mokant.at: Die ÖH kritisiert an der Kürzung der Familienbeihilfe, dass dadurch quasi Studiengebühren durch die Hintertür eingeführt würden. War das beabsichtigt?
Beatrix Karl: Das sind keine Studiengebühren, denn Studienbeträge würden ja den Universitäten zufließen und das ist bei der Kürzung der Familienbeihilfe nicht der Fall. Mir wären Studienbeiträge natürlich lieber. Man kann sie durch ein sehr gutes Stipendien-System sozial abfedern und sie bleiben an den Universitäten. Es ist zentral wichtig, dass diese Mittel den Universitäten zur Verfügung stehen und dort auch für die Verbesserung der Lehre eingesetzt werden können.

mokant.at: Was spricht dagegen, die jetzt frei werdenden Mittel aus der Kürzung der Familienbeihilfe für die Unis zu verwenden?
Beatrix Karl: Das ist eine Konsolidierungsmaßnahme, die der Familienminister gesetzt hat und nicht ich gesetzt habe. Diese Maßnahme ist eine familienpolitische und keine hochschulpolitische und sie hat auch nichts mit dem Budget meines Ressorts zu tun.

mokant.at: Laut OECD ist in Österreich die private Beteiligung an den Hochschulkosten unterdurchschnittlich gering, gleichzeitig ist sie überdurchschnittlich hoch bei der Kleinkinderförderung. Ein Ergebnis der konservativen Familienpolitik ihrer Partei?
Beatrix Karl: Die ÖVP tritt in der Familienpolitik immer für Wahlfreiheit ein. Es soll einerseits Geldleistungen geben, aber natürlich auch Sachleistungen, sprich Kinderbetreuungsplätze. Das muss einfach ein Mix sein, so dass jede Frau die Wahl hat, ob sie einen Kinderbetreuungsplatz haben will oder ob sie sich für die Geldleistung entscheidet und zu Hause bleibt.

mokant.at: Aber diese Wahlfreiheit gibt es ja vielfach nicht.
Beatrix Karl: Wir müssen natürlich die Kinderbetreuungsplätze noch mehr ausbauen. Aber hier wurde in den letzten Jahren bereits vieles getan. Die ÖVP ist ja schon lange dafür eingetreten, zusätzlich zu den Geldleistungen auch die Kinderbetreuungsplätze auszubauen.

mokant.at: Wo sich die ÖVP nicht so ganz einig ist, ist die Frage der gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen. Diesen Herbst soll ja ein ÖVP-Bildungspapier veröffentlicht werden. Was wird da drin stehen?
Beatrix Karl: Was da drinsteht, das werden Sie bald erfahren. Das wird wahrscheinlich Anfang Dezember präsentiert werden und dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Dieses Bildungspapier ist ja nicht von mir allein erstellt, das ist das Bildungspapier der ÖVP.

mokant.at: Also ringt die Volkspartei noch um die Entscheidung für oder gegen die Gesamtschule?
Beatrix Karl: Nein, wir sind uns schon weitgehend einig, es gibt noch einige Gespräche. Wir sind aber schon in der Finalisierungsphase.

mokant.at: Das soll also eine Überraschung werden.
Beatrix Karl: Ja, deswegen darf ich jetzt ja noch nichts verraten. Dann wäre es ja keine Überraschung mehr und die Präsentation relativ witzlos.

mokant.at: Ein praktisches Beispiel: Eine 24-jährige Pädagogik-Studentin ist mit dem Studium eigentlich fertig, muss aber noch ein, zwei Semester anhängen, weil sie keinen Betreuer für ihre Diplomarbeit findet. Was würden Sie ihr raten?
Beatrix Karl: Das sind genau die Folgen einer Massenuniversität: Die Betreuungsverhältnisse sind schlecht, die Studienbedingungen sind schlecht. Ich halte das für unzumutbar. Wir brauchen wirklich Aufnahmeverfahren, um die Qualität zu verbessern. Es geht in den Massenfächern so einfach nicht weiter. Entweder, wir wollen gute Studienbedingungen und eine gute Qualität in der Lehre, aber dann muss man auch Ja zu Aufnahmeverfahren sagen. Oder Studienbedingungen und Qualität sind egal. Aber das ist nicht mein Ansatz.

mokant.at: Massenstudien seien sozial selektiv, haben sie einmal gesagt. Können Sie das erklären?
Beatrix Karl: Nehmen wir das Beispiel mit der Studierenden der Pädagogik, das Sie vorhin genannt haben: Diese Studierende hat gar nicht die Möglichkeit, schnell zu studieren, weil sie Verzögerungen aufgrund der Studienbedingungen hat. Diese Situation sieht man gerade in den Massenstudien: Die Studienbedingungen dort lassen kein rasches Studium zu. Diejenigen, die einen längeren finanziellen Atem haben, können es sich erlauben, ein, zwei, drei Semester länger zu studieren. Diejenigen, die einen schlechteren finanziellen Background haben, brechen schnell einmal ihr Studium ab, wenn sie ein, zwei, drei Semester Studienzeitverzögerung haben. Das nenne ich sozial selektiv.

mokant.at: Auch zugangsbeschränkte Studien können sozial selektiv sein. Für Berufstätige etwa ist das Medizin-Studium wegen seiner hohen Verschulung unzugänglich.
Beatrix Karl: Die Verschulung hat aber nichts mit Aufnahmeverfahren zu tun. Das sind zwei völlig getrennte Dinge.

mokant.at: Natürlich, aber man kann Verschulung besonders bei Studien mit ausgeprägten Aufnahmeverfahren beobachten.
Beatrix Karl: Ja, das ist ein Trend an den Universitäten. Wobei man sagen muss: Das gibt nicht das Ministerium vor, das gibt auch nicht die Bologna-Architektur vor. Das sind Studienpläne, die sich die Universitäten selbst geben, sprich die Curricular-Kommissionen. Warum, das müssen Sie die Curricular-Kommissionen fragen.

mokant.at: Bleiben wir bei der Medizin: Angehende Mediziner müssen sich im Zuge des EMS-Tests etwa mit dem Hormonspiegel bestimmter Wüstenechsen beschäftigen. Ist das Ihre Vorstellung eines idealen Einstiegstests?
Beatrix Karl: Es gibt ja an den medizinischen Universitäten in Österreich nicht nur den EMS-Test, der in Wien und Innsbruck Verwendung findet. In Graz gibt es einen anderen Test. Die beiden Aufnahmeverfahren haben sich insofern bewährt, als man deutlich sieht, dass die Dropout-Raten gesunken sind. Wir hatten vor diesen Aufnahmeverfahren eine Dropout-Rate von im Schnitt rund fünfzig Prozent an den drei Medizin-Unis. Jetzt haben wir eine Dropout-Rate von rund fünf Prozent. Wir sehen auch, dass die Studiendauer kürzer ist, es studieren jetzt neunzig Prozent eines Jahrganges innerhalb der Mindeststudienzeit plus Toleranzsemester. So schlecht können die Tests nicht sein, denn auch die Studienerfolge sind da.

mokant.at: Welche Arten von Test würden Sie persönlich bevorzugen?
Beatrix Karl: Wir haben schon an vielen Universitäten und auch an den Fachhochschulen Aufnahmeverfahren, die teilweise ganz unterschiedlich sind. An der Veterinärmedizin zum Beispiel gibt es ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren, das enthält neben einem schriftlichen Test auch ein Motivationsschreiben und ein Bewerbungsgespräch. Es gibt also bereits verschiedenste Möglichkeiten. Ich persönlich halte sehr viel von Tests, in denen die Eignung für ein konkretes Studium festgestellt wird – zunächst natürlich die allgemeine Studierfähigkeit, dann die konkrete Eignung.

mokant.at: In Österreich liegt der Anteil an Akademikern schon jetzt unter dem OECD-Durchschnitt. Wären da die von Ihnen geforderten Zugangsbeschränkungen nicht eher kontraproduktiv?
Beatrix Karl: Das stimmt so nicht, weil mehr Studierende ja nicht automatisch mehr Absolventen und Absolventinnen bedeuten. Das sieht man, wenn man etwa die WU betrachtet. An der WU haben wir eine Dropout-Rate von rund achtzig Prozent, das heißt nur zwanzig Prozent der Anfänger schließen ihr Studium auch ab. Ich kann Ihnen auch ein internationales Beispiel bringen: Finnland hat ein doppeltes Aufnahmeverfahren, nämlich sowohl einen Numerus Clausus als auch Aufnahmeprüfungen an den Universitäten. Diese Aufnahmeprüfungen sind sehr streng. Trotzdem hat Finnland eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Österreich.

mokant.at: Sie haben in früheren Interviews die teuren Rahmenbedingungen der Unis kritisiert. Sind diese Dropouts die tatsächlichen Kostentreiber im System?
Beatrix Karl: Teilweise, man kann natürlich nicht alles an den Dropouts aufhängen. Da gibt es schon auch andere Faktoren. Wir investieren sehr viel an öffentlichen Geldern in die Universitäten, nur stimmt der Output nicht immer. In Österreich kostet der Studienplatz im Schnitt 11.400 Euro pro Jahr, das ist viel mehr als etwa in Deutschland. Da sieht man, dass es hier Effizienz-Defizite gibt, die durch die Rahmenbedingungen an den Universitäten entstehen. Die Unis haben teilweise das Problem, dass es keine echte Planbarkeit gibt. Das fällt gerade in den Massenfächern besonders auf, weil dort nie wirklich klar ist, wie viele Studierende wirklich kommen. Weil sich so viele anmelden, werden zusätzliche Säle angemietet. Dann kommen auf einmal viel weniger Studierende, so dass die Anmietungen gar nicht notwendig gewesen wären.

mokant.at: Aber wie soll man dieses Problem in den Griff bekommen?
Beatrix Karl: Mehr Verbindlichkeit bei der Anmeldung wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Es muss für die Universitäten auch klar sein, wie viele Studierende sich tatsächlich im System befinden. Das weiß man gerade in den Massenfächern überhaupt nicht. Wie hoch ist die aktuelle Studierendenzahl? Um wie viel wird sie im nächsten Jahr wachsen? Die Inskriptionsfirst etwa läuft noch bis Mitte November.

mokant.at: Die ganze Welt spricht von Effizienz-Steigerung im Hochschulbereich, von mehr Wirtschaftlichkeit. Ist das Konzept der freien Bildung, die einen emanzipatorischen Faktor darstellt, ein Fall für die Mottenkiste?
Beatrix Karl: Überhaupt nicht. Universitäten sollen beides bieten: Ausbildung und Bildung. Die Bildung kommt zum Ausdruck in dem Humboldt’schen Ideal der forschungsgeleiteten Lehre. Das macht für mich die Universitäten aus. Jemand, der lehrt, muss zugleich auch forschen. Es sollen ja immer die neuesten Forschungsergebnisse in die Lehre mit einfließen. Trotzdem darf man auch nicht vergessen, dass wir den Studierenden natürlich eine sehr gute Ausbildung schuldig sind. Denn was wollen die meisten Studierenden? Sie wollen nach Abschluss des Studiums gute Arbeitsmarktchancen haben, wollen einen guten Job haben, wollen Geld verdienen. Das ist legitim und ganz richtig und wichtig.

Titelbild: (c) Raimund Appel

Hans-Georg Eilenberger war bis 2013 als Chef vom Dienst für mokant.at tätig.

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