Turbostaat: „Punk ist nicht tot“

Die deutsche Punkrockband Turbostaat würde nicht alles für ihren Erfolg tun


Die gute Nachricht zuerst: Die deutsche Punkrockband Turbostaat wird uns noch lange erhalten bleiben, immerhin finden Bassist Tobert und Gitarrist Marten Arbeit echt „scheußlich“. Aber dass sie noch erfolgreicher werden, dürfen wir uns bitteschön nicht erwarten, meinen Tobert und Marten. Immerhin schreibe Turbostaat ja nicht extra Lieder, die ins Ohr gehen, wie so manch andere „erfolgsorientierte Band“. Die befreundeten Beatsteaks zum Beispiel sind erfolgreich und haben der Karriere von Turbostaat einen kleinen Stups gegeben. Und sich auf die Bühne stellen und Musik machen, ist ja auch eigentlich „nichts Besonderes“. Aber damit Musik entstehen kann, meint Tobert, müsse man schon „am Arsch die Tür zumachen“. Davon durfte man sich am 17. Juli beim Forestglade-Festival überzeugen, wo Turbostaat einen Auftritt hinlegten, der bewies, dass sie als Liveband auch ein verkatertes Publikum überzeugen können.

mokant.at: Das österreichische Publikum am Forestglade-Festival musstet ihr erst von euch überzeugen. Kommt deutscher Punkrock außerhalb der heimischen Grenzen nicht so gut an?
Tobert: Ich glaube, dass es für jede Band erst einmal schwierig ist dort, wo sie noch nie war oder selten hinkommt. Da kann man nicht erwarten, dass unglaublich viele Menschen kommen, die einen gut finden. Das wäre ja auch sehr anmaßend.
mokant.at: Also muss man als gute Live-Band das Publikum überzeugen? Den Ruf habt ihr zumindest schon in Deutschland erarbeitet.
Marten: Das weiß ich nicht.
Tobert: Das ist so ein Ding bei uns. Wir spielen einfach. Wir sind eine Live-Band in dem Sinne, dass wir live spielen, gerne live spielen und unsere Platten live aufnehmen. Und wir sind auch eher eine Club-Band, die am Abend im dunklen Laden spielt. Festivals können wir auch, klar, aber es ist etwas anderes. Wir sind keine großartig entertainende Band. Wir machen keine Hüpf- und Sitzspielchen oder frivolen Sprüche.
mokant.at: Ist Punk tot?
Marten: Glaub ich nicht.
Tobert: Ich auch nicht. Das letzte Mal als ich ihn getroffen hab, war er richtig gut drauf. (Beide lachen)
Foto: (c) Georg Marlovics

Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Die Entstehung des Punks geht ja als eine Gegenrichtung zu perfektionistischen und künstlerischen Bands wie Led Zeppelin und Pink Floyd zurück. Punk war aggressiv und technisch einfach zu spielen. Sind Punk-Rocker keine Künstler?
Marten: Nein, man fühlt sich nicht als Künstler. Man spielt halt in einer Punkband. Das ist doch auch das wichtige daran: Jeder kann auf der Bühne stehen und machen was er will. Das ist doch nichts Besonderes.
Tobert: Deswegen denke ich auch nicht, dass Punk tot ist. Denn genau das funktioniert ja noch immer und soll funktionieren: Man soll sich auf die Bühne stellen und Musik machen.

mokant.at: Interessant, dass ihr euch nicht als Künstler seht. Bei euren bildhaften Liedtexten und kuriosen Titel meint man, ihr hättet einen künstlerischen Anspruch, sie wirken dadaistisch.
Marten: Schon. Nur weil man in einer Punk-Band spielt, hat man ja nichts gegen künstlerischen Anspruch. Das schließt sich dann nicht gegenseitig aus. Gerade Dada steht dem Punk fürchterlich nahe. Auch in der ersten Zeit des Punks gab es sehr viele künstlerisch veranlagte Punker, wo es noch nicht ganz so klar war, was das eigentlich sein soll, dieser Begriff oder diese Welle.

mokant.at: Euer neues Album „Island Manöver“ habt ihr das erste Mal nicht live aufgenommen, sondern habt euch in einem Studio abseits von daheim zurückgezogen. Warum?
Marten: Wir sind nach Fresendelf gefahren, das ist ein Ort in der Gegend, wo wir aufgewachsen sind, in Nordfriesland. Das sieht dort aus wie in „Dawson’s Creek“. Da ist halt nichts. Da ist ein Fluss und da steht ein einzelnes Haus …
Tobert: … und ein Huhn, und eine Kuh. (Grunzt)
Marten: Genau. Dorthin haben wir uns zwei oder drei Mal hin verzogen, um Lieder zu schreiben, weil wir gemerkt haben, dass es so nicht geht, wenn wir alles zwischen Tür und Angel machen. Wir haben schon sehr lange keine Lieder mehr zusammen geschrieben. Und dadurch haben wir auch sehr viel Eingewöhnungszeit gebraucht, um uns aufeinander einzuschießen.

mokant.at: Das heißt, es gab zuvor hauptsächlich eine Person, die die Lieder schrieb?
Tobert: Das hat sich so im Laufe der Zeit entwickelt. Am Anfang war es noch ganz oft so, dass Marten mit einem Lied angekommen ist und alle andere ihren Kram dazu getan haben. Wir bewegen uns immer mehr in die Richtung – eigentlich seit den letzten zwei Platten und bei der jetzt ganz doll – dass wir einfach eine Idee haben und an der rummachen. Das kann mittlerweile auch nur ein Baustein sein, den wir haben und den wir gut finden. Das war früher nicht so und nach zehn Jahren verliert man auch oft das Gefühl füreinander. Und wenn man so viel unterwegs ist, verschlodert dann so vieles … Aber wenn du aufeinanderhängst, dann spürst du das. Du spielst einen Teil und merkst: Wow, das kommt bei den anderen an! Das ist das wichtige für uns: Dass es funktioniert, wenn wir uns irgendwo hinsetzen, am Arsch die Tür zumachen und so ein Gefühl füreinander bekommen und man sich versteht. Dann entsteht Musik.
Marten: Wenn man ständig seinen eigenen Kram macht, sich ab und zu mit der Band trifft und dann versucht, was gemeinsam zu machen, gibt’s oft dieses „Nee, ich mag dies nicht und ich mag das nicht“ – und dann kommt nie was zustande! Kaum saßen wir auf einem Haufen, hat das funktioniert.

mokant.at: Das klingt nach einem guten Teamprozess.
Tobert: So albern es klingt, aber so war’s dann auch.

mokant.at: Und der funktioniert seit zwei Alben, hast du gemeint. Gerade die klingen ja auch viel melodischer als die zwei davor. Gibt’s da einen Zusammenhang?
Tobert: Ich glaube, der Prozess, wie wir unsere Lieder zusammenschustern und wo die herkommen, ist letztendlich etwas ganz anderes als die Musik. Ich könnte mir mittlerweile vorstellen, wenn wir das weiter betreiben – dieses Einschließen und dass wir Zeit so konzentriert miteinander verbringen –, dass das noch ganz anders wird. Dass wir Musik machen werden, wo die Leute gar nicht wissen oder erkennen würden, dass das Turbostaat ist. Weil gerade dieser Moment mir viel wichtiger sein kann, wo es klickt, also wir merken, dass das toll ist, was wir da machen, als dass man kurz auf das Reißbrett guckt und dann beschließt: Ach, das mag ich ja eigentlich gar nicht, hab ich ganz kurz vergessen, geht nicht.

mokant.at: Eure Verbindung zur Punk-Musik besteht schon sehr lange. Ihr habt ja schon vor Turbostaat in verschiedenen anderen Bands gespielt, oder?
Marten: Wir kommen alle aus Husum, das ist eine Kleinstadt in Nordfriesland. Dort gab es ganz viele Punk-Bands. Ab einem gewissen Alter ziehen die Leute von dort weg, wenn sie Abitur oder eine Ausbildung gemacht haben. Und wir waren dann eigentlich die, die von diesen Bands übriggeblieben sind und haben dann eine eigene Band gegründet.

Foto: (c) Georg Marlovics

Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Und habt dann auch recht schnell eure ersten zwei Alben aufgenommen. 2007 wart ihr die Vorband der mit euch befreundeten Beatsteaks und habt mit ihnen „Frieda und die Bomben“ aufgenommen. Das hat euren Erfolg wahrscheinlich erst so richtig angekurbelt, oder?
Tobert: Es fällt uns immer so schwer, in solchen Kategorien zu denken. Es wäre ja nicht so, als ob man das nicht mehr überschauen könnte, aber: Klar hat das etwas gemacht, aber als wir es damals gemacht haben, war es das Resultat daraus, dass wir mit ihnen gemeinsam das Wohnzimmerkonzert gespielt und gemerkt haben: Hey, das sind nette Leute, das ist eine nette Band, uns gefällt das und dann kam von ihnen die Frage, ob wir den Text für dieses Lied (Frieda und die Bomben, Anmerkung der Redaktion) machen wollen. Klar haben die Leute dann das gehört, aber wir versuchen, das zu behandeln wie jedes andere Lied, das wir geschrieben haben.

mokant.at: Gerade im Musikbereich läuft aber sehr viel über Netzwerke. Da ist es sicher nicht schlecht, wenn man sich mit einer Band befreundet, die bereits erfolgreich ist.
Tobert: Auch wenn wir niemals so groß sind wie die Beatsteaks und auch niemals werden, finde ich es aber trotzdem super, dass auch wir in einer Position sind, dass, wenn wir unsere Touren dieses Jahr buchen, und das sind recht viele, Bands einladen können und sie mitnehmen können. Und das sind dann Bands, die man echt gut findet. Ich finde es total wichtig, dass man Netzwerke nutzt. Ich finde es geil, wenn sowas klappt. Wenn man Kumpels hat, die man mitnimmt oder man von ihnen mitgenommen wird. Wir sind ja auch mal nach Finnland, Schweden und Norwegen mitgenommen worden von uns bekannten Bands – da hätten die Leute auch die Hände über den Kopf zusammenschlagen können und uns furchtbar finden können, aber Alter! Wir waren in Skandinavien! Das war super, weißte? (Lacht)

mokant.at: Du meinst, ihr werdet niemals so erfolgreich wie die Beatsteaks. Warum so pessimistisch?
Tobert: Weil wir keine erfolgsorientierte Band sind. Wir spielen einfach in dieser Band und was passiert, das passiert. Ich denke nicht, dass wir so eine Masse an Publikum ansprechen.

mokant.at: Was tut denn eine erfolgsorientierte Band?
Tobert: Das weiß ich nicht, weil ich’s nie war.
Marten: Naja, man kriegt es bei anderen Bands mit. Die versuchen dann unbedingt mit einer Band zusammenzuspielen und sagen, wir spielen auch umsonst und sowas …
Tobert: … oder wir bezahlen dafür! Ja, daran kann ich mich erinnern, das war Anfang der Neunziger, wo ich das erste Mal von einer Punk-Band gehört habe, die mit einer größeren amerikanischen Band auf Tour gefahren sind und dafür bezahlen mussten! Plus den Bus, plus die Verpflegung und die Unterkunft. Da habe ich nicht mal gedacht: Achja, das macht ihr, weil ihr mehr Leute erreichen wollt. Sondern: Ihr seid vollkommen beknackt! Geh doch so aufs Konzert, guck dir das doch an, nervt doch eh zehn Mal, die Gackmucke.
Marten: Naja …
Tobert: Es gibt so Verfahrensweisen.
Marten: Ich glaube, die Bands schreiben auch schon Lieder, von denen sie denken, dass sie so gut ins Ohr gehen. Aber das machen wir nicht. Das würden wir auch nicht tun.

mokant.at: Welche Bands?
Tobert: Keine Ahnung.

mokant.at: Das glaub ich dir nicht.
Marten: Auch wenn wir es wüssten, wir würden es jetzt nicht sagen.

mokant.at: Das glaube ich schon eher.
Tobert: Alle möglichen. Irgendwelche.
Marten: Alle Bands!

mokant.at: Also würdet ihr lieber klein bleiben, aber dafür euch treu bleiben.
Tobert: Nein, das kann auch gern Stadiongröße sein, das ist vollkommen okay. Ich bin einfach zufrieden damit und freu mich, wie sich das alles so entwickelt. Und dabei das Gefühl haben zu können, wir machen das, was uns gefällt. Ich weiß, es gibt Bands, denen gelingt das nicht, warum auch immer. Die geben sich nicht so Mühe oder kaufen sich ein oder pushen das oder machen, machen, machen … Die wollen einfach auf Tour fahren und es klappt nicht, es kommen einfach keine Leute. Und klar, dann bin ich voll zufrieden mit dem, was ich hab.

mokant.at: Eure Musik klingt zwar rau, aber durchaus eingängig. Das erinnert an die jungen Toten Hosen. Sind das eure deutschen Punkrock-Vorbilder?
Tobert: Oh, den Vergleich haben wir noch nie gehört, aber damit können wir, denke ich, gut leben. Ich habe zwar nie die Toten Hosen gehört …
Marten: Die erste Tote-Hosen-Platte habe ich gehört.
Tobert: Interessant, meine Freundin findet die auch voll gut, ich hab sie noch nie gehört. Aber die Bands, auf die wir uns früher einigen konnten, waren eher auf der alten Hamburger-Punk-Szene, wie Dackelblut.
Marten: Und halt so D.C.-Punk.

mokant.at: Am Forestglade habt ihr mit Rock-Bands gespielt, die bereits seit Jahrzehnten erfolgreich sind. Wo seht ihr euch in einem Jahrzehnt?
Torsten: Eigentlich habe ich darauf immer eine Antwort, heute habe ich keine.
Marten: Wir wissen es nicht.

mokant.at: Pessimistische Stimmung heute?
Tobert: Ich werde mein ganzes Leben in einer Band spielen müssen. Aber ich bin nicht so verrückt zu glauben, dass das immer mein Leben unterhalten wird. Ohne in einer Punk-Band oder in einer Band zu spielen, würde ich mich ganz schön langweilen. Alles andere, keine Ahnung … Ich habe zum Beispiel noch nie gearbeitet, vielleicht probier ich das auch irgendwann mal aus. (Beide lachen) Ja, ich kenne Leute, die finden das geil!
Marten: Was? Arbeiten?
Tobert: Ja, ich kenn da so paar. Dieser Eismann zum Beispiel! Der findet das voll geil, der macht so gerne Eis …
Marten: Also das letzte Mal als ich gearbeitet hab, fand ich’s scheußlich.

mokant.at: Klingt so, als ob uns eure Musik noch lange erhalten bleibt.
Tobert: Ja.


Titelbild: (c) Georg Marlovics

julia.staller@mokant.at'
Julia Staller war als Chefredakteurin und Chefin vom Dienst für mokant.at tätig.

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